ich dachte, ich hätte es geschafft...

 

 

Lass mich ehrlich sein, mein offizieller Lebenslauf liest sich genauso wie man Lebensläufe en masse liest. Aber… 

Nach meinem Studium dachte ich eigentlich, ich hätte es geschafft. Das Diplom in der Tasche, zurück nach Deutschland, fertig für Vorsingen und Wettbewerbe. Aber ich merkte schnell, ich war alles andere als fertig.

 
Viel eher war ich fix und fertig… von Jahren quälender und verwirrender Stimmtechnik. Mitte Zwanzig war ich und befand mich in einer veritablen Krise.

Also packte ich wieder meine Koffer und zog los. Ziel, die perfekte Technik finden. Ich hatte Angst, fürchterliche Angst mein Leben gegen die Wand zu fahren und wusste, dass ich weitersuchen musste.
 
 
Das tat ich, unter jedem Stein, hinter jedem Grashalm vermutete ich das fehlende Mosaikstückchen zum Glück…
 
Doch lass mich von vorne beginnen…

 
 

ES BEGANN HIER

 

Mit meiner Familie, meinem älteren Bruder und meiner älteren Schwester, bin ich in einem kleinen Ort aufgewachsen.

 

Wiesen, viel Grün und besonders schöne Kühe.

 

Ganz in der Nähe gründete Pina Bausch ihr berühmtes Tanztheater. Ihre Choreographien bestaunend, im schummerigen Licht der kleinen Proszeniumsloge des Opernhauses, vergoss ich meine ersten heißen Theatertränen.

 

Hier drohte, beim Anblick der in Rudolfos Armen sterbenden Mimi, mein Herz stehen zu bleiben… aber das kam später.

 

 

BAMBI...

 

Zu meinem 5. Geburtstag überreichte mir meine geliebte Großtante ein Geschenk, das auf Jahre mein Leben verändern sollte: meinen ersten klappbaren Plattenspieler aus quietschorangenem Plastik. 

 

Dazu die Schallplatte – Bambi, Eine Lebensgeschichte aus dem Walde. Das erste Idol meiner Kindheit trat auf die Bühne. 

 

So verbrachte ich meine Kindheitsjahre mit Berühmtheiten wie der Biene Maja, Mowgli, Heidi… und meiner Mutter! Meine Mutter war und ist ein summendes, singendes, tanzendes Perpetuum mobile. Sie rezitiert Gedichte, liebt Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan, Zara Leander, Billy Holiday und Marlene Dietrich…
 
Sicher war sie es, die in mir die Liebe zur Musik geweckt hat. Meine Stimme habe ich aber wohl von meinem Vater geerbt. Er hatte eine tiefe, melodische und sehr klangvolle Bassbaritonstimme.

 
 

BRUCE LEE & PACHELBEL

Meine erste Liebe: Ponystriegeln und Robin Gibb von den Bee Gees! Seine Stimme, ach seine Stimme… When I started do cry…

 

Dann trat ein neuer Held in mein Leben…Bruce Lee!

 

Und ich wurde begeisterte Schülerin in der Kung Fu Schule von Meister Tan.

 

Fortan trainierte ich wie Bruce Lee, machte Liegestützen, Side Kicks und übte mich im Freikampf. Mit 17 bekam ich den Braungurt. Ich leckte Blut im wahrsten Sinne des Wortes, zerriss mir einmal meine Lippe und bezahlte mit einer gebrochenen Nase … es lebe die moderne Medizin…und Lippenstift, aber das ist eine andere Geschichte.

 

Aus meinem Zimmer drangen weiterhin die Bee Gees, Mowgli und Heidi. Letztendlich war es mein Bruder, der die klassische Musik ins Haus brachte und ich war fasziniert.

 

Auch er hatte einen Plattenspieler, aber eine high-end Stereoanlage mit echten, großen Boxen. Er hatte sie sich von seinem in den Ferien verdienten Geld gekauft. Für mich und meine Schwester war auch nur das Berühren der Anlage ein selbstredend, unter Todesstrafe gestelltes Tabu.

 

Aber natürlich schlich ich mich in seiner Abwesenheit auf sein Dachzimmer um Albinoni, Pachelbel, Bach und auch mal Death Punk zu hören.

 

 

Ich wollte Sängerin werden!


Wahrscheinlich war ich etwa 12 Jahre alt, als ich meine erste musikalische Erleuchtung hatte, Cavalleria Rusticana von Mascagni mit Renata Scotto und Placido Domingo. Mir war buchstäblich der Kopf verdreht- der Klang dieser Musik, das Orchester, der Klang dieser Stimmen… ich konnte es noch gar nicht einordnen, aber eines stand fest – so und nicht anders wollte ich singen.

 

Seit diesem Tag haben wohl alle aus der Musikbücherei ausleihbaren, großen Sänger des zwanzigsten Jahrhunderts auf meinem orangefarbenen Plastikplattenspieler ihre Stimmen ertönen lassen.

 

Ich habe mitgeschluchzt und war von diesem neuen Universum gefesselt und inspiriert. Erfand meine eigenen Opernszenen und Dialoge und singend Sterben war das Größte. Bruce Lee war immer noch angesagt aber Ponystriegeln out.
 
Ich kürze hier ein wenig ab…

 

Acht Jahre später, mit zwanzig Jahren, gegen den Willen meines an mir verzweifelnden Vaters, , begann ich stolz und äußerst trotzig mein Gesangsstudium an der Hogeschool voor Muziek en Dans in Enschede in den Niederlanden.

 

Ein Schulfreund meines Bruders, der Komposition studierte, brachte mir den theoretischen Teil bei und begleitete mich zu O mio babbino caro und Vaccaj.

 

Wenige Monate später bekam ich ein Stipendium der damaligen Wiedeking Stiftung und konnte mein Studium im folgenden Jahr an der renommierten Staatsakademie für Musik Pancho Vladiguerov in Sofia fortsetzen.
 
Fünf Jahre später hielt ich mein Diplom in den Händen, mit Auszeichnung…und den Master Wodka-Trinken!

 
 

BLUTENDE NASEN...

 

Dann folgte die Zeit der etwas anderen blutenden Nasen…Gesangswettbewerbe!

 

Ich gewann den ersten Preis beim Internationalen Wettbewerb Giovan Battista Velluti in Venedig, war Preisträger des Malibran Wettbewerbs und Finalistin des Internationalen Vissi d’arte Opernwettbewerbs in Neapel.
In Venedig nahm ich Unterricht bei Silvano Zabeo, dem Chef du Chant am Fenice und Assistent von Claudio Abbado. Gleichzeitig verdiente ich mein Geld mit gefühlten tausenden Ave Maria, Laurettas und Ombra mai fus vor und auf den Gondeln, Gassen und den Campi Venedigs.

 

Im Gegensatz zu den alten Prophezeiungen meiner Eltern, vom auf der Straße oder unter der Brücke enden, ging es an das Teatro Verdi Padova, des Teatro delle Muse in Ancona, die Opernfestspiele von Rom oder später das Teatro Guimera di Santa Cruz… Konzerte in Budapest, Sofia, Berlin, München, Bochum und Köln, Paris, im Palazzo Grassi, der Pinault Foundation, dem Internationalen Musikfestival am Bodensee, Festival der Künste Arhem, dem Utrecht Musik Festival oder dem Tiroler Festival in Österreich … Aber… kleine Rollen, kleine Konzerte, kein Durchbruch an die Met, an die ich wollte.

 

Meine Stimme lief irgendwie, aber mein Gesang wurde in diesen Jahren immer mehr zu einem Albtraum. Jede meiner gesungenen Noten wurde von einem Wirrwarr Gedanken begleitet. Kiefer, Zunge, Stütze, bin ich gut genug, laut genug? Ansatz…? Ich war gefesselt in Technik und Selbstzweifeln und tausend Ängsten. Es war die Hölle!

 

Meine Träume verwandelten sich in schreckliche, totalen Frustration und ich in ein Häufchen Elend, eine Karikatur, schon fast nicht mehr da. Was sollte ich machen? Den Beruf wechseln jetzt, wo doch normalerweise alles anfangen, sich entwickeln sollte?

 

Ich musste herausfinden, was passiert war, was schief gegangen war.

 

 

ICH HABE JEDEN STEIN UMGEDREHT


Ich besuchte Meisterkurse in Europa und den USA, sog alles auf. Habe jeden Stein umgedreht um die Natur der Gesangstechnik zu verstehen. Ich habe sogar das Idol meiner Kindheit, Renata Scotto, in einer Meisterklasse in New York getroffen…

 

Und selbst danach blieb es hart, sogar noch härter… Ja, ich habe gesungen, gar nicht so schlecht, eigentlich, aber innerlich war ich leer und unglücklich.

 

Der traurige Höhepunkt dieser Jahre der Verwirrung, des Suchens… war das Konzert im Palazzo Albrizzi in Venedig. Wagners Wesendonck-Lieder, eingeladen von der renommierten Pinault Stiftung. Ich hätte mir sagen können, dass ich ja trotz allem singe. Ich hatte ein aufmerksames Publikum und wurde von der fantastischen Pianistin Natalia Morozova aus Moskau begleitet.

 

Aber ich stand auf der Bühne… singend… Leere… Es war, als würden Tränen unsichtbar hinter meinen Augen fließen.
Applaus, Komplimente…

 

Nach diesem Konzert in Venedig flog ich nach Hause, mittlerweile wohnte ich in Paris und begann ein paar Tage später zu husten. Ich hustete eine Woche, zwei Wochen … einen Monat, ich ging zu 3 Ärzten. Der Husten dauerte sechs Wochen, zwei Monate, drei Monate, natürlich keine Konzerte… überhaupt kein Singen.

 

Gott sei Dank, dachte ich…

 

Um die 13. Woche meines Hustens stieß ich auf ein Youtube Gesangstechnikvideo mit dem Titel “Intellekt vs Expression”.

 

Dort erklärte mir Hans-Josef Kasper, deutscher Tenor, Fachbuchautor und Ausnahmepädagoge, worin das Leid vieler Sänger lag.

 

In weniger als 15 Minuten erklärte er worin die Qual meiner letzten 15 Jahre: Du kannst nicht gleichzeitig an zwanzig Dinge denken und gut singen! Die Tränen liefen und der Husten verging.

 

Aber wie sollte das gehen? Wie konnte man nur an eine Sache denken und gleichzeitig die Gesangstechnik beherrschen und kontrollieren? Ja, an was sollte ich denn überhaupt denken? Absolut wegweisend und prägend sollte nun die bis heute andauernde Arbeit mit Hans-Joseph Kasper werden, dem ich in Wien zum ersten Mal begegnet war.

 

Endlich wieder singen! Singen… Der Traum an die MET zu kommen hat sich nicht erfüllt, dafür eröffnete sich mir ein ganzes Universum des Verstehens warum Sänger singen und warum nicht.

 

Ich kürze hier noch einmal ab.

 

 

DIE ANTWORTEN SIND ZUM HEULEN EINFACH !


Die Antworten sind zum Heulen einfach! Dieses Wissen an andere weiter zu geben ist heute zum Schlüssel meiner Arbeit geworden.

 

Ich sehe meine pädagogische Aufgabe als einen Hauch von Inspiration, einen Impuls, den ich Sängern geben möchte. Dass sie stolz auf sich selbst sind, Mut finden, kleine und große Ängste meistern, sich öffnen und Risiken eingehen, arbeiten… mit Begeisterung und Freude, um sich die Tiefe und Schönheit dieser wunderbaren Kunstform zu erhalten.

Vermitteln was die Stimme technisch laufen lässt, schöner, klangvoller und ausdruckstärker werden lässt. Wissen, was diesen Sänger, diese Person inspiriert. Was ist Gift für den Sänger. Was sind die Zutaten für diese Stimme, diesen Menschen, um authentische, unverwechselbare, einzigartige Persönlichkeit erstrahlen zu lassen?

Und ja, ich liebe Geschichten …

Die Stärke eines Sängers besteht darin Geschichtenerzähler zu sein. Geschichtenerzähler mit einem unglaublichen Instrument! Ich bin immer noch fasziniert.

Seit 2009 arbeite ich am Atelier Lyrique de Centre de Danse et Musique du Marais à Paris und entwickele dort, seit 2016 auch zusammen mit meiner amerikanischen Kollegin Jane Gasman, mentale Strategien und Konzepte für Sänger.

Unterstützt von dem Pianisten Aleko Geladze und dem Mediziner Dr. Arnaud Mutschler vermittele ich nun seit 2018 auch das Warum und Wie am Vocal Laboratorium Basel.
 
Eine lange Reise seit dem quietschorangenem Plattenspieler…
 
In diesem Sinne. Alles Liebe
Margitta 

 

 

 

 

 

Bambi, ES FALLEN ALLE mal hin… Aufstehen ist Laufen lernen!

 

 

 

 

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